„Warum bringt die Politik nichts mehr weiter?“ – Sozialpartner im Gespräch mit der Tiroler Adler Runde
Die Tiroler Adler Runde traf sich am 9. Juni 2026 in Mayrhofen im Rahmen von „Adler im Gespräch“ mit Martha Schultz, Präsidentin der WKO, sowie Erwin Zangerl, Präsident der AK Tirol, um drängende wirtschafts- und sozialpolitische Fragen zu diskutieren. Schultz präsentierte laufende Reformprozesse der Wirtschaftskammer, Zangerl beleuchtete die drängendsten Anliegen der Tiroler Arbeitnehmer:innen. Die Veranstaltung bot Gelegenheit, die Positionen der Sozialpartner im direkten Austausch zu erfahren und eine sachliche Diskussion über die drängenden Herausforderungen des Wirtschaftsstandorts Österreich zu führen.
Am 9. Juni 2026 traf sich die Tiroler Adler Runde im Rahmen von „Adler im Gespräch“ auf Einladung von Andreas Kröll in Mayrhofen beim Bus- und Reiseunternehmen Christophorus Reisen. Im Mittelpunkt des Abends standen zwei hochkarätige Gäste: Martha Schultz, Präsidentin der Wirtschaftskammer Österreich, sowie Erwin Zangerl, Präsident der Arbeiterkammer Tirol. Unter der Leitung von Präsident Karl Christian Handl und den Vorstandsmitgliedern Klaus Mark, Gottfried Sint und Gerard Unterberger stellten die Sozialpartner ihre Reformpositionen vor und diskutierten gemeinsam mit führenden Tiroler Unternehmer:innen Wege aus der politischen Handlungsunfähigkeit.
Präsident Handl zeichnete zu Beginn ein eindringliches Bild der aktuellen Lage: Österreich stecke in einer beispiellosen Paradoxie – die Herausforderungen für den Wirtschaftsstandort seien so drängend wie selten zuvor, während die Politik so handlungsunfähig wirke wie nie zuvor. Beispielhaft wurden die Bürokratiebelastung von rund 21 Milliarden Euro jährlich, spürbare Standortverluste im internationalen Wettbewerb, der demografische Wandel als strukturelle Langzeitherausforderung sowie die hohen Energiepreise als unmittelbarer Wettbewerbsnachteil angeführt. Die Leitfrage des Abends – „Warum bringt die Politik nichts mehr weiter?“ – verstand Handl dabei nicht als pauschale Kritik, sondern als konstruktiven Denkanstoß an alle institutionellen Akteure. Mit einem klaren Appell richtete er sich an die Sozialpartner: Sie seien historisch das Rückgrat der österreichischen Reformfähigkeit gewesen – und müssten es heute wieder werden.
Im anschließenden ersten Gesprächsblock präsentierte die Präsidentin der Wirtschaftskammer Österreich, Martha Schultz, laufende und geplante Änderungen. Gestärkt durch das Ergebnis der Wirtschaftsbundwahl und einer gefestigten Position im Kammerpräsidium werden, so Schultz, aktuell ein strukturierter Reformprozess – unterstützt durch externe Beratungsexpert:innen – eingeleitet. Mehrere Schwerpunktthemen prägten die Diskussion: Bei den Kollektivvertragsverhandlungen zeige sich der Wille, veraltete Modelle zeitgemäß weiterzuentwickeln; Verzögerungen und emotionale Eskalationen im KV-Prozess wurden dabei offen angesprochen. In der Förderpolitik und Industriestrategie sprach sich Schultz für eine Entlastung der Unternehmen bei gleichzeitiger Neugestaltung der Förderkulisse nach dem sogenannten „Greenfield-Prinzip“ aus – neu gedacht, ohne eingefahrene Strukturen. Beim Thema Kammerumlagen wurde anerkannt, dass insbesondere für Klein- und Kleinstunternehmen sowie Ein-Personen-Unternehmen die Kostenbelastungen die wahrgenommenen Leistungen überwiegen. Hier brauche es spürbare Korrekturen – denn angekündigte Entlastungen kämen längst nicht allen zugute. Darüber hinaus wurde ein Sondertopf für die rechtliche Unterstützung von Unternehmen bei Musterprozessen und neuen Rechtsfragen angekündigt. Das Fazit der Adler Runde fiel klar aus: Der Reformgedanke ist greifbar, der Wille zu handeln glaubwürdig.
AK-Tirol-Präsident Erwin Zangerl beleuchtete im zweiten Block, der als offener Austausch gestaltet war, die drängendsten Anliegen der Tiroler Arbeitnehmer:innen: sinkende Reallöhne und Beschäftigungssicherheit, die angespannte Wohnsituation in Tirol sowie die unzureichende Anpassung des Verbraucherpreisindex an die reale Teuerung. Angesichts wirtschaftlich schwieriger Zeiten stellte sich die Frage, ob Gewerkschaften bei Kollektivvertragsverhandlungen von Maximalforderungen abrücken sollten und eine Neujustierung nötig sei. Zangerl verwies dabei auf die wachsende globale Staatsverschuldung – etwa der Vereinigten Staaten mit rund 122 % des BIP im Jahr 2025 und einer Prognose von bis zu 142 % bis 2031 – und einen möglichen Vertrauensverlust in den US-Dollar als Leitwährung. Gerade deshalb, so Zangerl, sei es so dringend notwendig, dass Europa geschlossen und handlungsfähig auftrete, Bürokratielasten abbaut und Unternehmensentwicklungen aktiv fördert.
Präsident Handl fasste die zentralen Erkenntnisse des Abends unter dem Leitprinzip „Miteinander statt Gegeneinander“ zusammen: Dauerhafte Konfrontation zwischen Sozialpartnern und Politik schade dem Standort Österreich. Wirtschaftskammer und Arbeiterkammer müssten als Brückenbauer in Richtung Politik vereint und entschlossener als bisher auftreten und der Politik parteiübergreifend die drängenden Themen unserer Zeit vorgeben. Für Tirol sieht die Adler Runde dringenden Handlungsbedarf bei der Eigenenergiepolitik, bei Standortkosten und Steuerlast sowie bei der langfristigen Tragfähigkeit der Sozialversicherungssysteme angesichts des demografischen Wandels.
Der Abend in Mayrhofen hat eindrücklich gezeigt: Nur wirtschaftlich erfolgreiche Unternehmen schaffen Arbeitsplätze, und nur gut zusammenarbeitende Sozialpartner können gemeinsam mit der Politik die richtigen Rahmenbedingungen dafür gestalten.
Die Tiroler Adler Runde versteht sich als Plattform für Dialog, Analyse und Orientierung mit 360-Grad-Blick in einer Zeit, in der sich Rahmenbedingungen schnell verändern. Der Abend in Mayrhofen war ein weiterer wichtiger Schritt in diese Richtung. Die Reihe „Adler im Gespräch“ wird fortgesetzt – mit dem Ziel, Vertreter:innen unterschiedlicher institutioneller Akteure einzuladen und eine sachliche, lösungsorientierte Diskussionskultur zu fördern